über das Altern

von Sascha Braun am 15.4.2015
 
 

über das Altern


Ich bin davon überzeugt, dass das Alter eines Menschen absolut irrelevant dafür sein kann, was dieser Mensch tut, was er denkt und wie er handelt. Meiner Meinung nach ist es vollkommen gleich, welches Alter jemand hat, wenn er oder sie sich entscheidet, etwas Neues zu beginnen, ein neues Hobby zu erlernen, eine (neue) Sportart zu betreiben. Denn einmal ganz im Ernst: was sagt beispielsweise mein Alter von 35 (Anm.: so jung war ich, als ich diesen Artikel schrieb) denn wirklich aus? Im Grunde ist das Alter erst mal nur eine Zahl, die relativ exakt angibt, wie viele Jahre ich schon auf diesem Planeten weile. Die Zahl lässt ebenfalls vermuten (mehr aber auch nicht), dass ich schon einiges erlebt habe und einen gewissen Erfahrungsschatz sammeln konnte. Viel mehr gibt diese Zahl tatsächlich nicht her. Sie sagt nichts darüber aus, wie fit ich bin, wie gesund ich mich fühle, ob ich Probleme mit meinen Gelenken habe, welche geistige und mentale Reife ich erlangen konnte, was ich kann und was ich besser bleiben lasse, was ich in meinem Leben schon getan habe und was ich noch tun will und werde. Die Zahl, die das Alter eines Menschen angibt, sagt recht wenig über ihn selbst aus.


Aber es gehört offensichtlich und leider zur gesellschaftlichen Konvention, ein bestimmtes Alter mit einem bestimmten Verhalten zu verbinden. Ebenso existieren Erwartungen an den erreichten sozioökonomischen Status und natürlich wird jeder Lebensabschnitt mit einer zunehmenden Anzahl an körperlichen Zipperlein verknüpft. Hinterfragt wird aber so gut wie nie, ob es überhaupt noch zeitgemäß ist, dass man mit 30 schon eine Familie gegründet und eigene Kinder haben soll. Auch nicht hinterfragt wird die Erwartung, mit spätestens 40 sein Eigenheim erworben zu haben. Und ebenso werden die gesundheitlichen Aspekte nicht hinterfragt. Es wird geradezu von einem erwartet, dass man spätestens im Alter von 35 Knieprobleme hat und allerspätestens mit 45 Jahren seinen ersten Bandscheibenvorfall erleidet. Was die Pickel des 15 Jährigen, ist die Bandscheibe des Mittvierzigers. Zumindest, wenn man der gesellschaftlichen Konvention folgen mag.


Ich möchte jetzt nicht alle Facetten dieser fragwürdigen Konvention, die ich selbst nur oberflächlich beschrieben habe, betrachten. Da ich Sportler bin, konzentriere ich mich daher gezielt auf den körperlichen Aspekt und auf die zuvor etwas überspitzt beschriebenen körperlichen Gebrechen. Das sich der Körper verändert, ist eine Tatsache. Das tut er, solange wir leben. Das jedoch die Meinung vorherrscht, dass ein zunehmendes Alter gleichbedeutend ist mit körperlichen Gebrechen, liegt meines Erachtens aber zum Großteil an den Personen, die nun schon einmal ein paar Jahre auf der Welt verbracht haben. Phrasen wie: „Man wird halt nicht jünger“, „...in meinem Alter...“, „älter werden ist nichts für Feiglinge“ oder mein absoluter Liebling „Wenn dir jeden Morgen nach dem Aufwachen etwas wehtut, dann weißt du, dass du über 40 bist“ versinnbildlichen das ganz gut. Solche Phrasen und Parolen bekommt man von anderen Menschen häufig zu hören. Ihr permanentes Wehklagen lassen einen selbst schlussfolgern, dass es ja so kommen muss. Noch unterstützt und getrieben vom propagierten Jugendwahn in Medien und in der Werbung kommt man dann selbst zu der überzeugung, dass es gar nicht anderes sein kann. Und schon hat man diese vorherrschende Konvention verinnerlicht und wirft selbst mit einer entsprechenden Meinung um sich, wie die Narren mit Kamelle am Rosenmontagsumzug.


Doch ehrlich gesagt, es nervt mich, dass sich alle so künstlich alt machen. Die Leute schränken sich dadurch nämlich in ihren Möglichkeiten ein und setzten sich selbst vorsätzlich Grenzen, wo keine sein müssten. Und eine Bereitschaft, diese Grenzen zu hinterfragen, zu verschieben oder gar zu überwinden, die gibt es bei der überwiegenden Mehrheit der Leute nicht. Einer gesellschaftliche Konvention blind hinterher zu laufen, scheint einfacher zu sein, als sich sein eigenes Glaubens- und Wertesystem zu gestalten. Eigentlich können die Leute ja denken und glauben was sie wollen. Und wenn sie sich alt und schwach denken wollen, dann sollen sie das eben tun. Das Schlimme daran ist aber, dass man mir (und allen anderen jungen und jung gebliebenen) versucht, dieses Denken aufzuzwingen. „Komm du erst mal in mein Alter“, heißt es da. Das nervt mich und ich habe auch ganz ehrlich keine Lust, mir diesen Mist anzuhören. Ich möchte die Grenzen meines Körpers selbst austesten und festlegen. Sie mir nicht durch irgendwelche sinnfreien Konventionen von frustrierten Menschen diktieren lassen. Menschen, die sich durch eine absolut fehlgeleitete Denkweise zunächst vorsätzlich in ihren Möglichkeiten einschränken und dann ironischerweise versuchen, durch Cremes, Wellness-Drinks und andere Tricks wieder jünger und fitter zu wirken. So ein Blödsinn.


Ich möchte hier natürlich nicht falsch verstanden werden. Es gibt Menschen, die haben ihr Leben lang harte körperliche Arbeit verrichtet. Dass diese Menschen das irgendwann spüren werden und der Körper dann nicht mehr so kann, wie man das selbst will, dass ist klar. Aber für die Mehrheit der Leute trifft das in unserer hoch entwickelten Gesellschaft mit ihren Abermillionen von Annehmlichkeiten einfach nicht mehr zu. Ganz im Gegenteil. Diese Menschen nutzen ihren Körper viel zu wenig. Man sitzt fast den ganzen Tag im Büro und abends entspannt man sich auf der Couch, mit einer Tüte Chips und dem geistreichen TV-Programm. Die meisten Menschen sind schlicht zu faul und bewegen sich nicht ausreichend. Doch darauf ist der Körper überhaupt nicht ausgelegt und wird genau dadurch erst schwach und gebrechlich. Schienen rosten auch, wenn kein Zug darüber fährt.


Das erinnert mich an eine Diskussion, die ich vor ein paar Jahren mit zwei Bekannten hatte. Ich war überzeugt, dass die Beiden in der Lage wären, einen Backflip oder Sideflip zu erlernen. Außer ein wenig übergewicht und genereller körperlicher Untrainiertheit (nichts was man durch regelmäßige Bewegung und eine etwas bewusstere Ernährung nicht hätte korrigieren können) stand dem Erlernen von akrobatischen Tricks meines Erachtens nämlich nichts im Wege. Den Körper zunächst etwas in Form gebracht und dann gezielt trainiert, und das hätte geklappt, auch wenn es vielleicht einige Jahre gedauert hätte. Davon bin ich bis heute überzeugt. Das entschiedene und absolut indiskutable „Bist du wahnsinnig, bei uns steht schon die 4 vorne dran“ der beiden Bekannten ließ jedoch jeden weiteren überzeugungsversuch im Keim ersticken. No chance. Ein aussichtsloses Unterfangen. Die Leute machen und reden sich selbst künstlich alt. Und entsprechend fühlen und verhalten sie sich auch. Aber für mich war diese Diskussion eine Art Weckruf. So wollte ich mich nicht verhalten, so wollte ich nicht älter werden. Diese überlegung war für mich dann auch der erste Schritt auf meinem Weg zu Parkour. Ironischerweise hat eine dieser Bekannten mit Mitte 40 einen Bandscheibenvorfall erlitten. Hätte sie doch nur mir geglaubt und nicht dieser fragwürdigen Konvention. Wer weiß, vielleicht wäre ihr das erspart geblieben



Dass sich der Körper mit zunehmendem Alter verändert, lässt sich nicht aufhalten. Einige Dinge muss ich hinnehmen. Andere Dinge aber kann ich gezielt beeinflussen und in meinem Sinne gestalten. Die körperliche und geistige Gesundheit, die Beweglichkeit, die Bereitschaft, immer wieder neue Sichtweisen einzunehmen und sich für neue Entwicklungen zu interessieren, können dazu beitragen, selbst fit und agil zu bleiben. Ums Altern kommen wir alle nicht herum, aber dann bitte selbstbestimmt. So wie ich das will. Nicht, wie mir das jemand vorschreiben möchte.



Ich habe meinen Weg bereits gefunden, richtig mit dem Alter umzugehen. Einen Weg, bestehend aus drei ganz einfachen Prinzipien, die jeder nach seinen eigenen persönlichen Möglichkeiten ausprobieren kann. Zur Nachahmung wärmstens empfohlen.

1. Den Körper mit einem ganzheitlichen Ansatz fit halten

Im Körper wirkt ein komplexes Zusammenspiel von Herz-Kreislauf-System, Muskulatur, Skelett, Bänder und Sehnen, Sinnesorganen, Verdauungsapparat. Nur gezielt auf einzelne Faktoren einzuwirken (z. B. nur Krafttraining oder nur gesunde Ernährung), reicht alleine nicht aus. Man muss der Komplexität des Körpers Rechnung tragen, indem man diesen mit einem ganzheitlichen Ansatz fördert. Das ist darum wichtig, weil ab dem Alter von etwa 30 Jahren der Körper beginnt, langsam abzubauen. Aber auch nur, wenn man nichts dagegen unternimmt. Für mich ist Parkour die geeignete Methode, weil ich hier sowohl Kraft und Ausdauer, als auch Beweglichkeit, Reaktions- und Koordinationsfähigkeit trainiere. Und es macht mir natürlich Spaß, dass ist noch viel wichtiger. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, die du nutzen kannst, nicht nur das Parkour Training. Mach dich halt mal schlau.


2. Neues lernen, um geistig beweglich zu bleiben

Während Schule, Ausbildung und Studium nehmen wir unzählige Informationen auf, die wir gezielt verarbeiten, um uns Wissen anzueignen. Man nennt das im allgemeinen Lernen. Doch irgendwann ist diese Phase der Wissensaneignung vorbei, die Leute arrangieren sich mit den Gegebenheiten und werden geistig träge. Wer sich geistig nicht mehr fördert, der wird geistig unbeweglich und geistig unfit. Was für den Körper gilt, gilt auch für den Geist. Darum bin ich der Meinung, dass man in jedem Lebensabschnitt und Lebensalter darauf achten sollte, sein Gehirn immer wieder zu neuen Denkleistungen anzuspornen und sich regelmäßig neues Wissen anzueignen. Beispielsweise durch das Erlernen eines Instrumentes oder einer neuen Fremdsprache.


3. Gezielt Zeit mit jüngeren Menschen verbringen

Die meisten Menschen umgeben sich überwiegend mit in etwa Gleichaltrigen. Das bedeutet meistens die gleiche Lebenswirklichkeit, mit den gleichen Problemen, Ansichten und Wertvorstellungen. Auch das führt zur geistigen Unbeweglichkeit. Wer aber bewusst Zeit mit jüngeren Menschen verbringt, öffnet sich automatisch für deren Lebenswirklichkeit, Ansichten und Wertvorstellungen. Dadurch überdenkt und hinterfragt man seine eigene Einstellung immer wieder aufs Neue. Frischer Wind für die grauen Zellen. Ein solches Umfeld ist für mich natürlich durch die Altersstruktur in unserer Parkour-Gruppe optimal gegeben, da hier unterschiedliche Generationen aufeinander treffen, und alle voneinander lernen können.



Mit diesen drei Prinzipien halte ich Körper und Geist fit und meine Lebenswirklichkeit flexibel. Und natürlich ist es auch ein Ausbrechen aus dieser gesellschaftlichen Konvention, die beschreibt und auch vorschreibt, wie man sich in welchem Alter fühlen soll. Was man in welchem Alter schon erreicht haben soll und wie man sich in einem bestimmten Alter doch gefällst zu verhalten habe. Da habe ich aber keine Lust drauf. Ich möchte meinen eigenen Weg gehen, immerhin bin ich Traceur. David Belle ist übrigens auch schon über 40 und, soweit bekannt, frei von jeglichen körperlichen Gebrechen, die man in seinem Alter „üblicherweise“ haben müsste. Eine echte Inspiration. älter werden wir alle. Aber jeder soll selbst bestimmen, wie das passiert.



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