Rausgehen

von Sascha Braun am 15.5.2014
 
 

Rausgehen


Wann warst du das letzte Mal draußen? Nein, ich meine nicht, um beim Bäcker schnell ein paar Brötchen zu holen, oder um zur Arbeit zu gehen. Ich meine richtig draußen. Zwei, drei, oder mehr Stunden. Egal ob es kalt ist, es regnet, oder die Sonne brennt. Wann hast du das letzte Mal so richtig den Regen auf deiner Haut gespürt, bist barfuß über Gras, Sand, Asphalt gelaufen? Wann hast du das letzte Mal bewusst miterlebt, wie die Sonne wandert und sich die Schatten verändern, wie sich Vogelgesang anhört, wie Wolken über den Himmel ziehen? Wann warst du das letzte Mal so richtig im Freien?


Wir Menschen sind schon merkwürdige Wesen. Ausgestattet mit einer Vielzahl von Fähigkeiten, um Höchstleistungen zu erbringen und um in Einklang mit der Natur zu leben und diese aktiv zu formen und zu gestalten. Und doch entfernt sich der Mensch immer mehr von seiner natürlichen Lebensweise und betreibt gnadenlosen Raubbau an der Natur und an sich selbst.


Wir fahren in Autos, anstatt kurze Strecken zu laufen oder das Rad zu nehmen. Wir nutzen unzählige Maschinen und Geräte und verlernen dabei, unsere Finger, unsere Hände und unseren Verstand zu nutzen. Wir verbringen Stunden vor dem PC, mit dem Smartphone und vor der Glotze,
um uns darüber zu informieren, was irgendwo auf der Welt gerade passiert, während wir selbst nicht am Leben teilnehmen. Doch dabei verlernen wir, unserem Körper zu vertrauen, auf ihn zu hören, seine Signale zu deuten. Und wir verlernen, uns richtig zu bewegen, unsere komplette Bandbreite an Bewegungsmöglichkeiten – unsere 'Range of Motion' – auszuschöpfen.


Denn der Mensch ist nicht dazu gemacht, stundenlang vor einem PC zu sitzen, seine Lebensmittel in Plastikfolie verschweißt im Supermarkt zu kaufen, seine Angelegenheiten mit Hilfe von Maschinen zu erledigen und ansonsten seine Zeit auf dem Sofa zu verbringen. Der Mensch ist evolutionär so geschaffen, dass er im Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten leben, sich in der Natur bewegen und in ihr seine Existenz bestreiten kann.


Doch haben wir dies verlernt und sind heute nicht mehr in der Lage alleine und in Einklang mit der Natur unser Leben zu meistern. Angewiesen auf komplexeste Technik und abhängig von einer Vielzahl an elektronischen Geräten und Maschinen sind wir bloß noch Teil von etwas, dass wir euphemistisch als moderne und intelligente Zivilgesellschaft bezeichnen. Und haben uns dabei soweit von unseren natürlichen Lebensräumen entfernt, wie nur möglich. Von Intelligenz keine Spur. Meiner ganz persönlichen Auffassung nach ist die Spezies, die der Mensch am wenigsten artgerecht hält, der Mensch selbst.


Aber es gibt Hoffnung, und einige Menschen, die dieser Entwicklung etwas entgegensetzen wollen. Ganz unterschiedliche Bewegungen haben sich hierfür in den letzten Jahren und Jahrzehnten entwickelt. Verschiedenste Ansätze werden verfolgt und eine Vielzahl an spannenden wie unkonventionellen Ideen liegen ihnen zugrunde. Teil dieser Bewegung sind auch Parkour und Freerunning, auch wenn wohl den meisten Traceuren und Freerunnern das gar nicht bewusst ist und sie nicht zwingend die Absicht verfolgen, den Menschen wieder näher an die Natur zurück zuführen. Durch das regelmäßige Training beginnt man
jedoch nicht nur, seine Umgebung, seine Straße, seine Stadt neue zu entdecken. Man entdeckt auch seinen Körper neu. Man lernt sich anders zu bewegen, erlernt neue Bewegungen, spürt seinen Körper auf andere Weise und schenkt den Signalen, die er sendet, mehr Beachtung. Man probiert ständig neue Bewegungen und Bewegungsabläufe und setzt seinen Körper immer wieder auf ganz unterschiedliche und bisher ungewohnte Art und Weise ein, um Hindernisse zu überwinden und um
neue Wege zu beschreiten, und nähert sich so wieder seiner eigenen Natur an.

Nun muss natürlich niemand gleich zum Traceur oder Freerunner werden (auch wenn wir das sehr begrüßen würden). Aber mal den PC ausschalten, Smartphone zu Hause lassen und ins Freie gehen, den Wind spüren, die Wanderung der Schatten verfolgen, dass schadet nicht. Mal einen ausgedehnten Spaziergang machen. Oder geh doch mal auf einer Stange balancieren, probiere es zumindest mal aus.


Lauf doch mal barfuß durch die Stadt, über den Rasen im Park und den Asphalt der Straße. Keine Angst wegen dem Schmutz. Füße kann man waschen, da gibt's Seife für. Und die Glasscherben, die dich wirklich verletzen könnten, siehst du rechtzeitig.


Wenn du auf dem Land wohnst oder schnell aus der Stadt rauskommst, kannst du dir ja am Abend auch mal eine Decke nehmen, dich ins Grüne legen und dir den Sternenhimmel betrachten. So viele Sterne hast du, so ganz ohne Kunstlicht, wahrscheinlich noch nie gesehen.


Und wie wäre es, wenn du die Stadt einfach als Spielplatz betrachtest. Stangen, Bänke, Mauern sind überall. Da kann man wunderbar dran turnen, drüber klettern oder sie einfach als Turngeräte verwenden.


Oder du kommst gleich zu uns ins Training. Du bist natürlich herzlich Willkommen. Und bring auch gleich deine Freunde mit, die auch noch ein wenig frische Luft vertragen könnten. Aber letztendlich ist es ja egal, was du machst. Geh einfach mal wieder raus. Und lass dein Smartphone
zuhause.


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